Meine Vorräte zu Hause waren aufgebraucht, also ging ich zum Frühstück in die Krumme Möwe. Nicht der schlechteste Grund, aus dem Haus zu gehen. Die anderen saßen schon da, und Gregor begrüßte uns mit der Feststellung, wir hätten uns allesamt wieder in einen ansehnlichen Zustand versetzt. Das Badehaus bekam ausdrückliches Lob — Bad und Schwitzbad. Ich hatte am Abend vorher meine Kleidung sicherheitshalber verbrannt.
Was noch offen war
Gregor kam gleich auf das Unerledigte: Die Runen unten im Kanal blieben zu untersuchen, also musste jemand noch einmal hinab. Er mahnte an, dass nicht alle sie gleichzeitig betrachten sollten. Ich ließ erkennen, was ich von einem weiteren Abstieg hielt, und stellte klar, dass ich allein keinesfalls hinuntergehen würde. Gregor gab mir recht: Wer damit rechnet, dort unten mehr als Ratten anzutreffen, steigt nicht einzeln hinab. Acht Kadaver sind eine Zahl, die man sich merkt.
Dann fiel der Vorschlag, von den Runen einen Abrieb zu nehmen, ohne sie zu lesen — ein Blatt darüberlegen und darüberreiben. Das ist eine ordentliche Idee. So nimmt man auch eine Punze ab, wenn man wissen will, welche Werkstatt ein Stück gezeichnet hat, ohne das Stück anzufassen. Ob Zeichen, die einer Frau das Erinnern nehmen, sich vom Papier abhalten lassen, weiß ich nicht. Aber es kostet nichts, es so zu versuchen.
Das zweite Offene war Sera. Gregor wollte wissen, wie sie an diesen Ort gelangt war und ob sie sich — wie Celestina — an nichts erinnerte. Lysa hielt es für richtig, damit anzufangen: Sera kannte vielleicht weitere Ein- und Ausgänge, oder wenigstens den Weg dorthin. Wie bringt man ohne Magie jemanden dazu, etwas zu vergessen? Drogen kamen zur Sprache und wurden wieder verworfen. So etwas ist rauchig, qualmig, flüssig oder pulvrig. Es wirkt nicht über Licht. Gregor bestätigte noch einmal, dass er an den Runen keine Magie gespürt hatte, schränkte aber ein, dass sein Sinn auf göttliche Magie geht. Was ihm nicht in den Weg läuft, spürt er nicht. Und Celestina verwies darauf, dass es bei ihr das Betrachten der Zeichen gewesen war, das die Wirkung entfaltet hatte.
Arbeitsteilung
Daraus wurde der Plan für den Vormittag. Celestina wollte in eine Bibliothek, Thema Runen und Vergessen. Gregor bot an, die Bibliothek seines Tempels aufzusuchen, während Lysa und ich mit Sera sprächen — zum Überzeugen war Lysa ohnehin die Geeignetere, und für ein Gespräch braucht es keine drei Leute. Dagegen war nichts zu sagen.
Waterdeep hat als größte Handelsstadt drei Sammlungen: eine öffentliche, eine arkane und eine geistliche. Ohne Weiteres zugänglich ist nur die öffentliche. Gregor kam über seinen Tempel an die geistliche. Celestina erwog, sich von der Stadtwache ein Empfehlungsschreiben ausstellen zu lassen oder in Begleitung eines Studenten in die arkane zu kommen, und wollte den Gelehrten dort im Tausch unsere Erkenntnisse und die Lage des Fundorts anbieten. Nach kurzem Abwägen ging sie zuerst in die öffentliche — die dürfte zugleich Stadtarchiv sein, und was sie dort fände, ließe sich später als Tauschgut verwenden. Sie handelt mit Wissen wie andere mit Waren. Kann funktionieren, solange man nichts hergibt, was man selbst noch braucht.
Ein Büttel, der seine Arbeit ernst nimmt
Lysa und ich gingen zur Wache. Bevor wir mit Sera sprachen, wollte ich Alric Dorn dazuholen — zum einen hatte er im Hintergrund vielleicht schon etwas in Erfahrung gebracht, zum anderen kannte Sera uns kaum, und ein vertrautes Gesicht hilft.
Am Empfang saß ein mürrischer Büttel und wehrte erst einmal ab. Der Hauptmann sei beschäftigt. Worum es gehe, alle Angelegenheiten seien schließlich dringend. Ich ließ ihm ausrichten, dass Edric da sei. Mehr nicht. Er schnaufte, klopfte an, steckte den Kopf zur Tür hinein, meldete Edric wegen einer dringenden Sache und schlurfte zurück. Wir durften eintreten.
Lysa bemühte sich unterdessen, harmlos auszusehen. Das gelang ihr teilweise. Ganz vertrauenswürdig sieht sie nicht aus — aber auch nicht so, dass ein Büttel sie aufhält.
Sera schweigt
Alric berichtete, was er hatte, und das war wenig: Sera war wieder bei Bewusstsein, aber nicht wirklich ansprechbar, sie hatte nichts gesagt, und es ging ihr schlecht. Lysa fragte nach magischen Heilern in der Stadt und schlug vor, bei unverändertem Zustand einen zu suchen, der sich mit Magie und Runen auskennt statt mit Pflanzen und Verletzungen. Der Mann, den wir bezahlt hatten, war für Säubern und Verbinden zuständig gewesen, nicht für das, was in ihrem Kopf steckt. Alric wollte den Zustand zunächst weiter beobachten.
Ich fragte, wie sie überhaupt in diesen Zustand geraten war und was sie im Kanal zu suchen gehabt hatte. Er wusste nichts Genaues. Sie hatte sich in letzter Zeit charakterlich etwas verändert, gesagt hatte sie dazu nichts. Damit war ein Besuch bei ihr vorerst sinnlos. Einen Plan für sie hatte er auch nicht — er steckte in den Kaimessern, jener Bande aus der Taverne, mit der sich Teile unserer Truppe bereits angelegt hatten.
Alter Sold
Ich kam ohnehin nicht zum Schmieden, und leben will man von etwas. Also bot ich Alric an, vorübergehend wieder in seine Truppe einzutreten, zum alten Gehalt. Er stimmte zu. Ein Maul mehr könne er noch füttern, auch wenn das Budget an den Docks bekanntlich knapp sei — an den Docks ist alles wichtiger als Sicherheit. Das war schon so, als ich das letzte Mal seine Farben trug, und es wird so bleiben, bis jemand die Rechnung dafür bezahlt.
Mir kam es auf die Vollmachten an. Vor allem, weil die jüngeren Kollegen mich nicht kennen und sonst Fragen stellen, die niemandem nützen. Eine Uniform in meiner Größe hing noch hinten. Sie saß, wie sie damals saß. Ich zog mich um, erledigte den Papierkram beim Kollegen am Empfang und sah mir dann die Aufzeichnungen zu den Kaimessern an.
Vieles davon kam mir bekannt vor, und das hatte einen einfachen Grund: Die meisten Aussagen stammten von uns selbst und von einem Wirt, den alle Anwesenden gut kennen. Was in den Akten steht: Die Bande ist im Hafenviertel aktiv und zieht Schutzgeld ein. Zwei Erpresser wurden getötet, ein dritter entkam, seine Identität ist unbekannt. Wie viele noch übrig sind, weiß niemand. Die Führung ist nicht identifiziert. Zum Entkommenen gibt es keine Spur.
Eine Akte, in der nur das steht, was man selbst hineingegeben hat, ist kein Werkzeug, sondern ein Spiegel. Lysa las mit. Ich notierte mir ein paar Stichpunkte und sagte Alric, ich würde mich im Hafenviertel umsehen — allerdings in Zivil, mit der Uniform im Seesack. Wer die Farben sieht, redet anders. Meistens gar nicht.
Zwei Zeilen und ein Stempel
Lysa brachte noch etwas Praktisches ein: Es wäre angenehm, künftig nicht jedes Mal erklären zu müssen, warum wir im Zuge der Untersuchung irgendwo eingedrungen sind. Also bat ich zusätzlich um eine schriftliche Vollmacht mit Siegel. Alric stöhnte, schrieb mir aber einen Zweizeiler, wonach ich in seinem Namen ermittle, und stempelte ihn ab.
Zwei Zeilen und ein Stempel. Sowas wiegt nichts und trägt viel — wie ein guter Niet. Ich verstaute das Schreiben so, dass es trocken bleibt, schüttelte ihm die Hand und versprach, ihn auf dem Laufenden zu halten. Auf dem Rückweg berichtete ich Lysa von meinen Erkenntnissen. Sie war die ganze Zeit dabei gewesen. Sie hat es sich trotzdem angehört.
Was mir später erzählt wurde
Was Celestina und Gregor in den Bibliotheken fanden, habe ich nicht selbst gesehen. Ich schreibe es hier trotzdem auf, damit es beieinandersteht.
Celestina kam in der öffentlichen Sammlung rasch hinein und wandte sich an die Bibliothekarin, eine eher stille Halbling-Frau, die vor sich hin murmelte. Ich habe nichts gegen Leute, die vor sich hin murmeln. Celestina erklärte, sie habe mit Gefährten im Auftrag der Stadtwache nachgeforscht und sei dabei auf seltsame Runen im Zusammenhang mit einem Brunnen und dem Kanal gestoßen. Sie nannte den Brunnen, das Thema Runen, mögliche alte Kulte mit Wasserbezug, das Vergessen und den Spruch, auf den wir gestoßen waren. Die Bibliothekarin verlangte erst Angaben zu Bedeutung, Fundort, Form und Grund des Interesses — eine Frau, die weiß, dass eine Frage nur so gut ist wie ihre Angaben — und verwies sie dann an Regal 3 für allgemeine Runenkunde und für das Archiv mit den Bauplänen des Kanals ganz nach hinten. An die Stelle mit den Spinnweben.
Bei der Runenkunde fand sie eine große Menge Literatur, aber nicht die Runen vom Fundort. Immerhin notierte sie sich die häufigsten Runenarten und wo die weiterführenden Bücher stehen. Dann ging sie nach hinten zu den Plänen, ließ sich vorher die Erlaubnis geben, die Spinnweben zu entfernen, und stieg über eine Leiter hinauf.
Dort lag ein Plan von 1468, eine „Ergänzung zur Entwässerungsplanung südlicher Dockwards". Er zeigte eine Versorgungsanlage unterhalb mehrerer Häuser: ein Gang, der zu einem runden Raum führt, bezeichnet als älteres Sammelbecken, und eine schmale Verbindung nach oben, eingezeichnet, aber nicht beschriftet. Im selben Stapel fand sie einen zweiten Plan, drei Jahre jünger. Auf dem fehlten der runde Raum und die Verbindung nach oben. Der Rest war nahezu deckungsgleich.
Zeichnungen ändern sich, wenn gebaut wird. Wenn aber alles gleich bleibt und nur ein Raum verschwindet, dann hat nicht der Bau sich geändert, sondern jemand die Zeichnung. Celestina sah das genauso und notierte sich die Urheber beider Pläne. Beide trugen die Insignien ihrer Zeichner, der ältere zusätzlich das Kürzel „TE". Die Bibliothekarin sagte dazu, das Kürzel sei ihr schon öfter untergekommen, aber nie in einer sauberen Legende; sie habe mehrere Vermutungen, aber keinen Grund, eine davon für wahr zu halten. Eine ehrliche Auskunft. Selten genug.
Zuletzt sah Celestina die Chroniken und Archive nach auffälligen Vorkommnissen in jener Gegend durch — verschwundene Menschen, wiederkehrend, oder Ähnliches. Eine Sammlung okkulten Wissens gab es in der öffentlichen Bibliothek nicht. Was sie fand, betraf überwiegend die bekannten Orte, vor allem den großen Friedhof, an dem schon das eine oder andere Unheil geschehen ist, dazu Verstreutes über eine Unterstadt.
Die Seite, die fehlt
Gregor legte für seinen Weg die Robe an und holte das Amulett hervor, dann wurde er ohne Anstehen durchgelassen. Kleidung ist auch ein Werkzeug. Die Bibliothek des Tempels war groß, der Bibliothekar saß gleich am Eingang. Gregor schilderte, wir seien in einem Raum des alten Kanals auf merkwürdige Runen gestoßen, und gab zu, das Aussehen nur ansatzweise beschreiben zu können — nicht er, sondern eine Begleiterin hatte sie aus der Nähe betrachtet, und die hatte sofort vergessen, was sie getan hatte. Für Runen im Allgemeinen: Regal 4, die ersten fünf Ebenen. Als Gregor die „Erlöser der Tiefe" ins Spiel brachte, kam die abschätzige Bemerkung, das sei doch diese Hausfrauensekte; sie seien erst im Aufkommen, und ob man von ihnen schon Runen identifiziert habe, wisse er nicht. Für Sekten allgemein: Reihen 4 und 5. Man merkt sich, wer eine Sache klein redet, bevor er sie gesehen hat.
Mit dem groben Bild im Kopf durchsuchte Gregor die Bestände und fand ein Buch, das zunächst passend wirkte. Beim langen Durchblättern fiel ihm zufällig auf, dass eine Seite fehlte. Nicht herausgerissen — fein säuberlich herausgetrennt, professionell, so, dass es möglichst nicht auffallen sollte. Das ist Handwerk. Schlechtes Handwerk ist laut, gutes Handwerk sieht man erst, wenn man es sucht.
Er trug das Buch nach vorn und zeigte dem Bibliothekar die Fehlstelle. Der bestätigte den Befund und meinte, die Seite müsse schon lange fehlen; er könne sich nicht erinnern, dass jemals jemand das Buch entliehen hätte. Auf die Frage, seit wann es im Bestand sei, holte er einen großen Wälzer hervor, blätterte und stellte fest: rund zweihundert Jahre, ganz hinten, und soweit ihm bekannt hat es seither niemand mehr zur Hand genommen.
Ausleihen ging nicht, aber lesen durfte er in der Leseecke. Gregor nahm sich die Zeit und arbeitete das schmale Bändchen durch. Abdrücke der fehlenden Seite auf den Nachbarblättern waren nach dieser Zeitspanne nicht mehr zu finden. Aus Machart und Autor schloss er, dass es sich um ältere Runen handelte, am ehesten zwergische. Die Seite, die zum Übersetzen entscheidend gewesen wäre, fehlte gerade. Über Sekten hat er nicht weiter recherchiert.
Zwergische Runen also. Ich habe meine Lehrjahre bei einem Zwerg verbracht und rede seine Sprache; gefragt hat mich niemand. Wird sich ergeben.
Zwei Dinge behalte ich von diesem Tag. Erstens: In zweihundert Jahren hat niemand dieses Buch angefasst — außer dem, der die eine Seite herausgetrennt hat. Zweitens: Auf einem Plan verschwindet ein Raum, der drei Jahre vorher noch eingezeichnet war. Zufälle gibt es. Zwei davon, die in dieselbe Richtung zeigen, sind selten einer.
