Hinter den Planken war der Kanal nicht zu Ende. Wir folgten dem Wasser, und das Wasser machte, was Wasser in einem Kanal macht: Es plätscherte. Für die meisten von uns jedenfalls.
Geister im Wasser
Celestina hörte mehr. Das Plätschern, erklärte sie, war für sie kein Wasser, sondern ein Flüstern — viele Stimmen durcheinander, nicht zu greifen. Hier unten mussten viele Geister oder Seelen gefangen sein. Ich habe hingehört, gründlich. Ich hörte Wasser und das, was im Kanal an uns vorbeischwamm, und über Letzteres verliere ich keine weiteren Worte. Gregor hörte ebenfalls keine Geister, wollte aber nicht ausschließen, dass hier etwas war. Lysa fragte, ob Celestina die Dämpfe hier unten womöglich nicht bekommen waren. Celestina nannte uns Narren, denen eben die Verbindung zu den Geistern fehlte. Kann sein. Ich verbinde lieber Metall.
Der Kanarienvogel hätte zu der Frage nichts mehr beitragen können. Er war da schon verloren — in die Tiefe gefallen und von den Ratten gefressen. Kein guter Ort für Vögel, dieser Kanal.
Lysa drängte weiter: Geister hin oder her, Augen und Ohren offen, die Nase zu. Sie kündigte für die Zeit nach diesem Ausflug ein heißes Bad an. Gregor bot ihr Minze zum Kauen an. Sie nahm sie mit dem Hinweis, dass so etwas nur kurz half.
Die Engstelle
Lysa übernahm ein Stück weit die Führung und bemerkte ein schwaches Flackern, das aus einem Seitengang drang. Gregor ließ sich an der Abzweigung die Lampe reichen und spähte hinein: Der Gang war teilweise eingestürzt, passierbar nur, wenn man den Bauch einzog. Kurz kam die Frage nach den Rüstungen auf. Lysa trug keine, nur ihre normale Kleidung. Ich hatte mein Kettenhemd dabei — im Gepäck. Ein Kettenhemd im Gepäck schützt genau das Gepäck. Gregor kletterte als Erster durch, wir reichten ihm die Lampe nach und folgten.
Die Botin am Wasserbecken
Dahinter stand man in anderem Mauerwerk. Älter, andere Hände — mit dem neuen Kanal hatte das nichts mehr zu tun. Wir erreichten ein altes Wasserbecken, in das früher offenbar Wasser aus der Wand geplätschert war. Kein Brunnen, kein Lichtschacht nach oben — nur dieses Becken unter der Erde. Ringsum Runen, wie wir sie oben an der Tür gesehen hatten — nur größer, deutlicher, weniger verblasst. Und am Becken lag eine Frau.
Lysa vergewisserte sich, dass im Raum keine offene Gefahr stand, dann ging sie hin; die Beschreibung passte auf die Gesuchte. Celestina folgte ihr, Gregor und ich behielten den Raum im Auge. Der Befund: Sie lebte. Lethargisch, kaum ansprechbar, eine Platzwunde am Kopf. Dann riss sie plötzlich die Augen auf, sah Lysa erschrocken an und sagte ein einziges Wort: „Vergessen." Lysa sprach sie mit Namen an — Sera — und versicherte ihr, wir waren gekommen, um zu helfen. „Nein! Nein! Vergessen!" Dann sank sie wieder weg.
Gregor gab ihr aus seiner Flasche zu trinken, Lysa aus ihrem Schlauch. Sera trank, aber klarer wurde ihr Kopf davon nicht. Heilmagie wurde erwogen und verworfen — gegen eine Platzwunde, die niemanden umbringt, braucht es keine. Weihwasser bekam sie ausdrücklich nicht. Dehydriert war sie außerdem, sie lag also schon eine Weile hier. Wir rechneten nach: zuletzt gesehen vor zwei, drei Tagen, ein Tag davon ging für die Suche drauf.
Die Runen waren gezielt am Becken angebracht, lesen konnte sie keiner von uns. Ritualgegenstände fanden sich nicht — kein Altar, kein Messer. Aber in einer Ecke war aufgeräumt worden, und dort roch es noch nach Weihrauch, nach Minze, Myrrhe und Salbei — Kirchengeruch, mitten im Kanalgestank. Ich wies die anderen darauf hin. Gregor bestätigte es, und Lysa sprach aus, wonach es aussah: Hier unten waren Messen abgehalten worden, Rituale, irgendetwas in der Art. Was für welche, wusste niemand.
Welche Runen?
Celestina kniete unterdessen am Becken. Die Runen sprachen zu ihr, wie ein Flüstern. „Sie sprechen zu mir", sagte sie. Als Gregor fragte, was sie denn sagten, fuhr sie ihn an, still zu sein. Dann lauschte sie. Und hörte nicht mehr auf. Sie nahm uns nicht mehr wahr; irgendwann fragte Gregor, wie lange wir noch leise sein sollten, und bekam keine Antwort. Er schüttelte sie vorsichtig. Sie sah ihn mit großen Augen an und erinnerte sich an nichts. Die Zeit war spurlos an ihr vorbeigegangen. Ob alles in Ordnung war? „Ja, natürlich." Und die Runen? „Welche Runen?"
Lysa holte Gregor dazu und fragte, was passiert war; er erklärte, so etwas passierte im Wald nicht. Celestina entgegnete: „Kommt darauf an, welche Pilze man isst." Dann schob sie alles auf die Störung — sie war konzentriert gewesen, das war spirituell fordernd, man konnte sie doch nicht einfach ablenken. Was die Runen ihr erzählt hatten, war vollständig weg. Gregor fragte, ob ihr das öfter passierte: sich auf etwas konzentrieren und dann vergessen, worauf. Gesund klang das nicht. Celestina wusste überhaupt nicht, wovon er redete. Genau das war das Problem.
Ein Schatten am Eingang
Lysa bat Celestina und mich, uns um die Botin zu kümmern; ich nahm Sera über die Schulter. Gregor prüfte mit einem Zauber, ob hier Magie gewirkt worden war. Keine. Dafür sah Lysa einen Schatten durch den Eingang huschen, durch den wir gekommen waren, und ihr war, als hörte sie ein leises, böses Kichern. Als sie genauer hinsah, war da nichts mehr. Gregor nahm sich die Ecke vor und fand nichts — Steine sehen einander ähnlich, wenn man sie sich vorher nicht eingeprägt hat.
Lysa zog Bilanz: nichts Ritualistisches mehr im Raum, die Runen gesehen, die Botin gefunden — zurück, bevor ihr oder uns noch mehr zustieß. Der Gang führte ohnehin nicht weiter. Celestina leuchtete, Lysa ging mit der Waffe voran. An der Engstelle wurde es Handarbeit: Gregor bugsierte Sera durch das Loch und stolperte über die Steine, also griff ich mit an — man hatte mich zum Geschicktesten der Truppe erklärt, was mehr über die Truppe sagt als über mich. Mehr schlecht als recht kam Sera ohne neuen Schaden auf die andere Seite. Ob wir den Kanal noch weiter erkunden wollten, stand kurz im Raum. Lysa entschied dagegen: der Neugier halber reizvoll, aber nicht mit einer verwundeten, verwirrten Botin im Schlepptau. Dann Tageslicht. Ich habe frische Luft selten so geschätzt.
Zwei Gold und ein Hauptmann
Der Plan: erst ein Heiler für Sera, dann über die Stadtwache Alric Dorn benachrichtigen lassen. Der Heiler musterte uns misstrauisch — wir stanken wie der Kanal, aus dem wir kamen — und hielt erst einmal die Hand auf: zwei Gold, bevor er irgendetwas anfasste. Lysa fand das zu teuer und wollte weiterziehen. Celestina fragte, ob wir nicht längst einen Brief vom Auftraggeber hatten, der unsere Ermittlungen bestätigte — wegen der früheren Schwierigkeiten mit der Wache. Ich wusste von keinem Brief. Es stellte sich heraus: Es gab keinen, es hatte nie einen gegeben. Celestina schob es auf ihre Verwirrung. Gregor erwog, dass Waschen den Preis vielleicht senken könnte. Ich löste es anders und ging Alric Dorn selbst holen. Wege kann man abkürzen, Verhandlungen nicht.
Was in der Zwischenzeit geschah, erzählte man mir später: Lysa ließ den Heiler wenigstens Seras Zustand einschätzen und berichtete ihm knapp, wo wir sie gefunden hatten; Gregor drängte sie, ihren Ordensanhänger zu zeigen. Der Befund des Mannes: dehydriert und verwirrt — exakt das, was Gregor vorher schon festgestellt hatte, kostenlos. Immerhin ließ sich für Säubern und Verbinden ein kleinerer Preis verhandeln, und als der Heiler hörte, dass der Hauptmann der Wache unterwegs war, wurde er deutlich umgänglicher und machte sich an die Arbeit. Lysa bestand darauf, dass er für seine Arbeit bezahlt wurde — von Dorn oder von ihr. Richtig so. Arbeit gehört bezahlt.
Dorn war erleichtert, als er Sera sah, und besorgt zugleich. Ich hatte ihm unterwegs berichtet, was zu berichten war. Er dankte uns, dass wir sie gefunden hatten.
Dann wurde geredet. Lysa hielt fest: Interessant wird, was Sera zu erzählen hat, sobald ihr Kopf wieder klar ist. Celestina wies auf das hin, was keinem entgangen war — Sera hatte „vergessen" gesagt, und ihr selbst hatte man erzählt, sie hatte etwas vergessen, an das sie sich nicht erinnern konnte. Gregor fragte nach, wie dicht Sera an den Runen gelegen hatte. Unmittelbar am Becken. Celestina wollte von Dorn einen Bannmagier oder einen Kenner dieser Art von Okkultismus, der sich die Zeichen ansehen konnte; ihr selbst waren sie fremd und unheimlich. Lysa gab zu bedenken: Die Runen und das Vergessen waren das eine — Seras Platzwunde stammte sicher nicht von Zeichen an einer Wand. Gregor tippte auf den Kichernden oder jemanden aus dessen Umfeld. Celestina schloss die Ratten aus und rechnete vor, was mit jemandem geschieht, der mit einem Gespür für solche Energien allein dort hinuntersteigt und von niemandem angestoßen wird: Der verhungert und verdurstet vor diesen Runen, während er sie betrachtet. Bemerkenswert blieb: Gesehen hatten die Runen alle. Gehört hatte sie nur Celestina. Oder auch nicht — sie weiß es ja nicht mehr.
Dass man sich die Zeichen noch einmal ansehen musste, bestritt niemand. Mit jemandem, der Wache hält, mahnte Gregor. Vielleicht nicht alle gleichzeitig, ergänzte Lysa. Vorher aber: herausfinden, was Sera dort unten überhaupt gewollt hatte. Auf Celestinas Frage, wo man in dieser Stadt etwas über Zeichen und Runen erfährt, kam von Dorn eine Antwort in Hauptmannslänge: „Bibliothek?" Eine Wegbeschreibung gab er dann doch noch dazu. Für Lysa hatte er auch etwas: Sie konnte ihre Armbrust wieder abholen — er ging davon aus, dass man sich einig war. Lysa bestätigte das. Dann erklärte er, Sera brauchte jetzt Ruhe, gab dem Heiler ein paar Münzen extra dafür, dass er sich um sie kümmerte, und kündigte an, am nächsten Tag nach ihr zu sehen. Celestinas Frage, was Sera bei sich getragen hatte — Schriftstücke, Notizen vielleicht —, brachte Lysa noch bei Dorn vor. Der sah die Botin an und entschied: heute nicht mehr. Lysa wollte am Morgen wiederkommen. Er auch.
Grünes Feuer
Blieb das Letzte, und das duldete keinen Aufschub: das Waschen. Celestina schlug das Badehaus vor — erst reinigen, dann die Bäder und Schwitzbäder, Badehut aus hygienischen Gründen, Handtuch nicht vergessen. Lysa stimmte zu: Man musste sicher noch einmal dort hinunter, aber für heute kam der Dreck aus den Poren. Gregor hielt Schwitzhöhlen für albern, er wollte sich nur sauber machen — sonst wusch er sich zu neun Zehnteln der Zeit in kalten Strömen. Für die Bibliothek war es an diesem Tag ohnehin zu spät, die schloss bald. Das war etwas für morgen.
Ich ging nach Hause und verbrannte meine Kleidung in der Esse. Das Feuer brannte grün. Ein Schmied sieht gern in Flammen. Grüne hatte ich lange nicht.
Danach schlief ich, wie man nach so einem Tag schläft: gründlich. Am Morgen fühlten wir uns alle gestärkt — die Botin gefunden, der erste Abschnitt der Arbeit getan. Man merkt es einem Werkstück an, wenn es die erste Härtung übersteht. Als Nächstes die Bibliothek. Bücher sagen einem nicht, ob ihr Inhalt hält — aber Runen, die einer Frau das Erinnern nehmen, sehe ich mir lieber auf Papier an als noch einmal aus der Nähe.
